gedichte

 

 

die namen der eisheiligen

  

auf der terrasse treibt der wind

blätter und kleine reste einer seilbahn

in unbestimmte ferne und an kalte geländer

an deinen fingerspitzen der bittere geschmack

von tabak so weit der mohn nun offen steht

und die eisheiligen sich dunkel

verzogen haben es rufen sie die kinder

ihre stimmen hell und noch in strophen

kaffeesatz in deinen gedanken warum

wachsen diese stauden nicht warum bricht

das festgebrannte licht das rauschen der

strasse das rauschen der häfen das

trampeln auf pfaden das donnern nicht

bitter auch dein letzter streit und

wie du hast fortwehen lassen was

noch zart und ohne worte war

 

(aus atlantis lokalisieren)

 

 

 

för s’ meitli

 

weisch ich weiss emmer

nonig vell ich weiss

emmer echli meh

echli meh vo dööt woni gsii

be und einisch gseit han

ich tüeg’s vergässe

damet i s weder chan fende

damet i im fende chli cha zeige

wies gsii esch weder z’wösse

wies gsii esch vorem vergässe

 

(aus atlantis lokalisieren)

 

 

 

 

herbrig

 

bevor die weissen geranien welken

und die wehmut einkehrt

solange alles noch steht

muss ich es preisen

bevor jemand am betonkreuz

auf dem hügel jesus abmontiert

im regen zwischen linden und

schafen hängt er gut

sieht verkehrsschilder kommen

und gehen erste augustfeuer

massen kleiner mädchen auf dem weg

ins schwimmbad

bevor im keller der eltern 

keine schachteln mehr stehn

und sie müde den garten ausräumen

muss ich noch einmal

mit den haflingern die auffahrt

nehmen mich mahnen: verlier zum tor

die fernbedienung nicht und nenn

den hund der nachbarn elvis

 

(aus Die Kindheit ist eine Libelle)

 

 

 

 

vatersmutter

 

auf der laube hast du geranien gelassen

der wind sucht dich im zerfressenen holz

reste vergilbter zeichnungen schiffsmaste gehalten

von einem reisnagel man sieht in den garten

über die johannisbeersträucher grellrot kariert

deine schürze dein teigboden dünn deine ader

hellblaue bänder über den händen

 

ich habe dir vorgegaukelt ich könne englisch

du hast nur gestaunt das haus steht nicht mehr

der flur die fahrradwege im gras

ob ich dich einmal wiedersehe dein farn

dein farniges haar wann hast du das bein

verloren dein auge ich habe nichts bemerkt

 

ich trinke aus zwei gläsern wasser

auf dem boden liegen blaue streifen

alles was ich kann die worte

nach aussen lassen anrufen wenn mir danach ist

dich besuchen und dir immer wieder sagen

mein wohnort heisst mein mädchen mein mann

vielleicht werden wir einmal tauschen

 

(aus Die Kindheit ist eine Libelle)

 

 

 

 

 

 

Prosa

 

 

Zurück nach Sibirien

 

Irene rief an und sagte, wir müssten kommen um die Bergfinken zu sehen, mehr als eine Million wären her gezogen aus Südsibirien über den Winter in unsere Fichtenwälder wegen der Nüsse, und sie flögen immer zur Dämmerung ein und bei Sonnenaufgang wieder aus.

Daniel und ich sprachen seit zwei Tagen nicht mehr miteinander, aber wir fuhren hin, ich glaube, wir wussten beide nicht recht, wie Bergfinken aussehen, wir dachten, warum nicht, wir funktionieren erstaunlich gut ohne Worte.

Es war kalt und der gefallene Schnee verkrustet. Eingefrorene Spuren vor dem Haus, die Schritte von vorgestern, die Stelle an der wir stehen geblieben waren, wo Daniel zu schreien begonnen hatte, wo ich mich umdrehte und davon lief, alles gefroren hier im Schnee, der ganze Streit noch einmal rekonstruierbar. Wir stanzten neue Schritte, es blieb ein Gemisch aus Spuren, das man nicht mehr zurückverfolgen konnte.

Im Auto legte Daniel eine CD ein, die er gerade gebrannt hatte, ein französischer Sänger mit englischen Texten. Wir blickten beide auf die Strasse, es war etwas neblig aber wir wussten, so bald wir über den Hügel kamen, würde es sich lichten. Die Gegend lag im Winterschlaf, eingetaucht in Kälte und Grau. Ich fragte mich, womit die Leute wohl ihre Zeit verbringen, wenn sie nicht arbeiten, ob alle vor ihren Fernsehern hocken um den Winter zu vergessen. Ich fragte mich, zu welcher Art von Teilnahme sich die Leute in dieser Zeit wohl aufraffen.

Am Ende des Dorfes passierten wir eine Reihe von Strommasten, danach begannen die Felder, der Wald. Es standen bereits Menschen mit Feldstechern und Rucksäcken dort, am Wegrand waren Autos geparkt. Wir sahen Irene winken. Sie sagte nicht viel, sie war irritiert und etwas nervös, weil sie nicht wusste, aus welcher Richtung die Vögel heute einfliegen würden. Sie wollte, dass wir den besten Platz hatten, sie wollte keinen Schwarm verpassen. Manchmal kämen sie von Norden über Baden, manchmal von Westen über den Herzberg geflogen. Man höre ihr Flügelschlagen schon von weitem und dann sei auf einmal die Luft voll, fast schwarz, man stelle sich vor, so viele Flügel. Daniel und ich vergruben unsere Hände, es war kalt. Wir trotteten hinter Irene her zum Waldrand, ich erzählte von der Hexe, die am Dorfeingang über der Strasse hing, eine Warze auf der Nase, ich sagte, mich wundere, dass man heute noch Fasnacht feiert, aber niemand reagierte, alle suchten den Himmel ab nach einem Zeichen.

Die Leute hatten jetzt ihre Ferngläser ausgepackt und hielten sie hoch wie ausgefahrene Fühler. Irene hielt ihre Nase in die Luft, als könnte sie die Vögel riechen. Sie schickte uns in den Wald, dort roch es nach Zoo, alles war weiss geschissen. Bei Tausenden von Vögeln falle auch ab und zu einer runter, tot, einfach so, weil er zu alt sei oder zu erschöpft von der weiten Reise. Auf dem Boden sässen dann der Fuchs und all das andere Getier, lauernd, mit dem Schwanz hin und her streifend und geiferndem Maul. Ich musste an die Tulpen denken, die heute Aktion gewesen waren, und dass auf den Bildern von Holland die Tulpenfelder grösser scheinen als das Meer. Wir fragten Irene, ob es denn still wäre nachts, ob die Vögel überhaupt schlafen.

Irene zeigte auf einen ersten Schwarm der sich aus der Ferne wellenartig auf uns zu bewegte. Die Tiere folgten einander in einer dichten Formation und man sah, dass sie sich am Anderen orientierten. Mit den Flügelspitzen? Mit der Wärme ihres Körpers, mit Infrarot? Ich musste an einen Film denken, in dem die junge Frau zu ihrem Freund sagt: Falls es tatsächlich etwas Wunderbares gibt auf dieser Welt, dann muss es der Versuch sein, für denjenigen Verständnis zu haben, der mit uns etwas teilen will.

Daniel begann etwas abseites hin und her zu gehen, er hielt den Kopf die ganze Zeit über in den Himmel gestreckt, ich konnte sehen, wie sich Irenes Anspannung auf ihn übertrug, er wurde Teil vom Ganzen, war eingetreten, stand nicht mehr nur aussen vor wie ich, immer bereit, umzukehren, falls alles vorbei wäre.

Von Weitem sahen wir noch grössere Schwärme auftauchen, ein Heer schwarzer Punkte, welches die Luft füllte mit einem Schwirren und Zirpen und dem Geräusch von raschelnden Flügeln. Der Himmel bewegte sich, wir blickten zu den Strommasten und den Fichtenspitzen um nicht zu schwanken. Nachts sei es genauso laut, sagte Irene, die schlafen nie alle gleichzeitig. Sie hielt Daniel ihr Fernglas hin, er sagte, die haben einen roten Streifen unten am Bauch. Sie sehen schön aus. Klein für eine so weite Reise. Kommen die wirklich aus Sibirien?

Irene nickte, ihr ganzer Körper schien in dieses Fernglas zu gleiten, darin zu versinken, sie konnte nur noch murmeln. Südsibirien. Mit vierzig Kilometern pro Stunde.

Gibt es dort überhaupt etwas Grünes, flüsterte Daniel, bemerken die hier auch etwas anderes als den Wärmeunterschied? Ziehen sie noch weiter?

Irene antwortete mit abgewandtem Kopf, ja, weiter in den Süden, wenn sie keine Nüsse mehr finden.

Daniel stand jetzt dicht neben ihr. Beide schienen den Atem anzuhalten, aber ich wusste ja, dass sie wieder ausatmen mussten, wahrscheinlich würden sie es gleichzeitig tun, hinein in ihr gemeinsames Staunen.

Langsam sammelten sich die Tiere auf den Ästen der Buchen am Waldrand. Sie füllten die Bäume, dunkle, schwankende Früchte, hockten schwarmweise zwischen den Blättern und flogen nur auf, wenn ein Habicht oder ein Bussard über ihnen kreiste. Wie etwas in die Luft Geworfenes, das verzögert und in Zeitlupe wieder zurückfällt. Immer neue Schwärme trafen ein, bis es zu dämmern begann. Meine Füsse waren kalt und ich fand, dass es Zeit war, zu gehen. Die ersten Leute verliessen das Feld, rieben sich ihre Hälse, die starr geworden waren von dem langen Blick in den Himmel, packten ihre Ferngläser ein. Ich sah Daniel zu, wie er mit einem Stock auf dem Boden kratzte. Er war in Gedanken versunken, ich kannte das, wenn er etwas behalten wollte, zog er es zu sich hin in aller Stille. Vielleicht dachte er an die Auf- und Abbewegungen der Vögel, stellte sich den Fall vom Ast in das Maul eines Fuchses vor, den Herzstill mitten im Baum. Wie es sich in den Flügeln anfühlen musste nach Tausenden von Kilometern. Vielleicht dachte er über Irene nach, wie sehr sie sich für etwas begeistern konnte, mit welcher Konzentration. Ich liess ihn in Ruhe.

Irene hatte noch immer das Fernglas angelegt. Ich hatte sie früher einmal gefragt, was das Ganze soll, mit den Vögeln, warum sie sie bestimmen muss, wie sie stundenlang auf ein besonderes Exemplar warten kann. Sie hatte mit den Schultern gezuckt, gemurmelt, dass sie es nicht wisse.

Ich lehnte mich an einen Baumstamm und wartete bis die beiden bereit waren zu gehen. Die Bergfinken schreckten immer noch schwarmweise aus den Baumkronen auf und fanden wieder hinein. Ein Spiel, dass die ganze Nacht über so gehen würde, bis die Habichte satt waren. Letzte Woche hatten meine fünfjährige Nichte und ich am Fernsehen gesehen, wie Wölfe ein Schaf reissen, ein Schaf, von dem wir auch noch den Namen kannten. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich die Kiste ausschalten oder das Kind der Wahrheit überlassen sollte.

Irene wollte jetzt los. Sie küsste jeden von uns drei Mal auf die Wangen und wir bedankten uns. Wir sahen zu, wie sie ins Auto stieg und über die Landstrasse davon fuhr.

Daniel startete unser Auto und wendete kurz vor einem Graben. Wir sprachen noch immer nicht, er drehte die Heizung auf, ich sass schlotternd auf dem Beifahrersitz. Die kleinen Fahnen der Faschingsdekorationen zitterten im Wind, die Dämmerung hatte sich beinahe aufgelöst, ein dünner Streifen aus dunkelblauem Licht zog über den Himmel. Wir machten keine Musik mehr an.

Zu hause legten wir uns in der dunklen Wohnung aufs Bett. Das wars also, sagte Daniel.

Ja, das wars, sagte ich.

Wir hörten noch eine Weile dem Rauschen der Bäume zu, dann schliefen wir unter den fliessenden Schatten von Vogelschwärmen langsam ein.