Monologe für 4 sinnende Bronzefiguren

 

 

 

Auftragsarbeit für das Bäderfest Baden 2022

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Schlarpi

 

Schlarp ned eso. Me löpft d’Füess. 

Ond sowiso es Meitli. Es Meitli 

nemmt au ned eso grossi Schrett. 

Du laufsch jo als wörd öpper 

of di warte als hättsch en Termin als 

bränntisch druf vo do wäg z’cho.

Ond pass besser uf was d’ seisch 

wenn d’ seisch was dänksch denn 

esch denn dööt schnäll nor no Gströpp

hocksch ellei im Egge mett de Händ 

vorem Gsecht ond brüelisch. 

Pass also uuf. S’esch ned schön 

so ohni Schotz vo de Böim 

emmer guet sechtbar för alli. 

Ond wottsch di jo ned schäme. 

Wottsch jo ned dass me seit 

sigsch fräch ond verwöhnt 

wöllisch z’schnäll vorwärts 

oder laufisch wienen Maa. 

Weisch die Andere 

zeige der emmer 

wer du besch. Also 

suech dini Wort guet uus 

wenn’s sy muess 

verschliessisch sie i der. 

Denn passiert der scho nüt 

denn hämmer di gärn. Also 

löpf dini Füess 

lauf chli langsamer ond 

stopf der ab ond zue 

öppis is Muul. Gäll 

das esch denn kei Information 

das esch en Uuftrag.

 

 

 

Aus Gletscherstück:

 

 

Unter Ponys

 

Was ich wusste aber nicht wirklich wusste

(eigensinnig wie ein Pony): Glück und Verzweiflung

wechseln sich ständig ab. Später dann tieferes

Glück, tiefer die Verzweiflung. Dann 

eine fortlaufendeGewöhnung

an härtere Beleuchtungen, schärfere

Einsichten, grössere Nüchternheit. 

In einer Ackersenke scharf geschoren

die Schafe. Rückblickend zu viele Wattepads.

Ist es nicht süss was der Wind 

mit den meterlangen Stirnfransen der Ponys 

macht und wie sie plötzlich nichts

mehr sehen?

 

 

 

 

Aus Atlantis lokalisieren:

 

die namen der eisheiligen

  

auf der terrasse treibt der wind

blätter und kleine reste einer seilbahn

in unbestimmte ferne und an kalte geländer

an deinen fingerspitzen der bittere geschmack

von tabak so weit der mohn nun offen steht

und die eisheiligen sich dunkel

verzogen haben es rufen sie die kinder

ihre stimmen hell und noch in strophen

kaffeesatz in deinen gedanken warum

wachsen diese stauden nicht warum bricht

das festgebrannte licht das rauschen der

strasse das rauschen der häfen das

trampeln auf pfaden das donnern nicht

bitter auch dein letzter streit und

wie du hast fortwehen lassen was

noch zart und ohne worte war

 

 

 

för s’ meitli

 

weisch ich weiss emmer

nonig vell ich weiss

emmer echli meh

echli meh vo dööt woni gsii

be und einisch gseit han

ich tüeg’s vergässe

damet i s weder chan fende

damet i im fende chli cha zeige

wies gsii esch weder z’wösse

wies gsii esch vorem vergässe

 

 

 

Aus Die Kindheit ist eine Libelle 

 

 

herbrig

 

 

bevor die weissen geranien welken

und die wehmut einkehrt

solange alles noch steht

muss ich es preisen

bevor jemand am betonkreuz

auf dem hügel jesus abmontiert

im regen zwischen linden und

schafen hängt er gut

sieht verkehrsschilder kommen

und gehen erste augustfeuer

massen kleiner mädchen auf dem weg

ins schwimmbad

bevor im keller der eltern 

keine schachteln mehr stehn

und sie müde den garten ausräumen

muss ich noch einmal

mit den haflingern die auffahrt

nehmen mich mahnen: verlier zum tor

die fernbedienung nicht und nenn

den hund der nachbarn elvis

 

 

 

 

 

 

 

Prosa  

 


 

 

 

Astlöcher & Augenpaare

 

 

 

 

 

Gestern Abend haben wir Kroschniks zum Abendessen in die Ferienwohnung meiner Eltern eingeladen. Wir haben das schöne Geschirr benutzt, die Teller mit dem Goldrand, die Proseccokelche, die dickbauchigen Weingläser.

 

Kurz vor Mitternacht sind sie durch den Schnee zurück in ihr Hotel und wir haben alles stehengelassen. Sind zufrieden ins Bett, denn die Gäste haben gut gegessen, viel erzählt, gelacht. Arbeitsauftrag erfüllt. Das meine ich nicht zynisch, ich sehe den Sinn darin. Kroschniks Bauch ist noch einmal grösser geworden, zwischen zwei Knöpfen auf Nabelhöhe spannt sein Hemd so sehr, dass es den Blick auf den nackten Bauch frei gibt. Ich war froh drum, der Anblick hat mich entspannt.

 

Sie haben lange von ihrer Safari letztes Jahr in Botswana erzählt. In was für eine Sphäre einen der Anblick der wilden Tiere versetzt. Die bringen dich sofort auf Stufe 5 runter, meinte Lesley. Ihr Sohn zeigte uns Fotos von Elefanten natürlich, Zebras am Wasserloch, einem Leoparden, aufgenommen durch das Fernrohr. Ein prächtiges Löwenpaar unter einem Baum, die Mähne des Männchens dunkel und wild. Lesley erzählte, wie nahe sie einmal einem Gebüsch kamen, in dem eine Löwin mit ihren Jungen lag. Als sie das Gebrüll der Löwenmutter hörten, rannten einige von ihnen weg, etwas, was man auf gar keinen Fall tun darf. Der Guide - nur mit einem Stock bewaffnet - schüttelte den Kopf, immer wollen alle die Löwen sehen und wenn sie dann vor ihnen stehen, rennen sie weg. Ich habe gefragt, ob sie auch an die Szene aus «Out of Africa» denken mussten, aber sie haben den Film noch nie gesehen. Zum Schluss zeigte der Sohn noch ein Foto von einem riesigen Krokodil. Ein Tier, das keine Angst kennt, dass grössenwahnsinnig sogar Elefanten angreift. Lesley sagt, Stammhirn eben. Ihr Sohn sagt, du immer mit deinem Stammhirn.

 

 

 

Im Bett haben Nico und ich noch eine Weile die Astlöcher in der Holzdecke angeschaut, Augenpaare, die uns skeptische Blicke zu warfen. Wir waren uns einig, dass wir so eine Safari niemals machen könnten. Wieviel Einheit, wieviel unerklärtes, blindes Einverständnis braucht es für eine Freundschaft? Ich mag Kroschnicks trotzdem. Trotz der Fotos und langweiligen Geschichten, ich mag sie für etwas anderes und ich bin froh, dass ich sie trotzdem mögen kann. Ich sitze auf einer Tannenspitze und denke, aha, so lebt ihr also eure Variante. Und höre dabei meine alte Freundin Susanna, die mir früher immer geraten hat, eine andere Perspektive einzunehmen, auf unseren langen Streifzügen über den Weissenstein.

 

 

Nach dem Frühstück beginnt Nico mit dem Abwasch. Ich will sagen: Lass mich machen. Lass die Weingläser stehen. Ich kann es besser. Sie müssen perfekt zurück in den Schrank. Ausserdem brauchst du ein frisches Geschirrtuch.

 

Aber ich sage nichts und beobachte die Bergdohlen vor dem Fenster. Der Schnee liegt wieder meterhoch auf dem Balkon wie letztes Jahr, als man vom Esstisch aus keine freie Sicht mehr auf die Berge hatte. Gestern habe ich auf der gegenüberliegenden Strassenseite einen nackten Mann gesehen, wie er sich mit rotem Kopf in die Schneemassen auf seinem Balkon fallen liess und dabei laut schrie.